In Deutschland sind mehr als 25% der Bewohner älter als 60 Jahre. Und ihre Anzahl steigt weiter: Wissenschaftler gehen davon aus, dass im Jahre 2050 bis  zu 38% der Europäer zu dieser Altersgruppe gehören.

Das bedeutet, dass das Gesundheitswesen eine wichtige Mission vor sich hat. Es muss sich nämlich an die steigende Anzahl von Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, kognitiven Beeinträchtigungen, chronischen Schmerzen, Koordinationsproblemen und anderen gesundheitlichen Herausforderungen anpassen. So wird die Kunst, mit Senioren richtig zu kommunizieren, zu einer grundlegenden Kompetenz für jede Gesundheitsfachkraft.

Deswegen haben wir 25 Tipps gesammelt, die Ihnen helfen, Ihre Arbeit mit älteren Patienten effektiver und angenehmer zu gestalten.

1. Verwenden Sie formelle Anredeformen

Selbst wenn Sie Ihre Patienten gerne mit Vornamen ansprechen, sind ältere Menschen meistens an formelle Anreden gewöhnt. Deswegen lohnt es sich, sie zunächst sehr respektvoll anzusprechen – wenn ein Patient mit lockeren Anredeformen OK ist, wird er seine Wünsche explizit mitteilen.

2. Bauen Sie Rapport auf und zeigen Sie Empathie

Wenn Sie einen neuen Patienten treffen, denken Sie daran, dass Sie mit dieser Person wohl monatelang zusammenarbeiten werden. Aus diesem Grund sollen Sie eine respektvolle und empathische Beziehung anstreben. Es kann zwar schwierig sein, das Vertrauen einer deutlich älteren Person zu gewinnen (insbesondere wenn sie allen Medizinern gegenüber skeptisch ist), aber es wird sich lohnen.

3. Seien Sie geduldig

Viele Senioren leiden unter Hörverlust, Mobilitätseinschränkungen, kognitivem Abbau, Verlangsamung der Informationsverarbeitung oder sogar einer Kombination davon. Ihre Art der Gesprächsführung kann auch weniger fokussiert sein, als Sie es gewohnt sind.

Aber sobald Sie sich irritiert fühlen, werden Patienten es sofort spüren und im schlimmsten Fall sogar die weitere Zusammenarbeit verweigern. In einer idealen Welt würden Sie im Voraus mehr Zeit für ältere Patienten einplanen können. In der Praxis ist dies normalerweise nicht möglich, deswegen bleibt Ihnen nur Geduld zu bewahren.

4. Minimieren Sie unnötige Ablenkungen

Schenken Sie jedem Patienten Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit – und sorgen Sie dafür, dass auch Ihre Patienten sich konzentrieren können. Minimieren Sie (soweit möglich) visuelle und akustische Ablenkungen wie Hintergrundgeräusche oder hin und her laufende Personen.

5. Halten Sie Blickkontakt

Richten Sie Ihr Gesicht immer zum Patienten und halten Sie Blickkontakt. Personen mit Hörschäden verlassen sich oft auf das Lippenlesen und das Interpretieren von Gesichtsausdrücken. 

6. Verwenden Sie positive Körpersprache

Verwenden Sie Körpersprache, die Empathie und Respekt vermittelt (üben Sie evtl. vor dem Spiegel). Vermeiden Sie Gesten und Körperhaltungen, die unnötige Kommunikationsbarrieren schaffen.

7. Hören Sie aktiv zu

Die Therapietreue eines Patienten steigt, wenn er sich verstanden fühlt. Um diesen Effekt zu erreichen, verwenden Sie Techniken des aktiven Zuhörens wie Paraphrasieren, Fragen stellen und Emotionen benennen.

Hier ein paar Beispiele, wie Sie Ihre Beziehung zum Patienten aktiv verbessern und Vertrauen aufbauen:

“Das ist unglaublich! Erzählen Sie bitte noch mehr darüber!”

“Da haben Sie sich großartig gefühlt, oder?”

“Das ist aber toll! Wie haben Sie sich dann gefühlt?”

“Ich bin so stolz auf Ihre Leistung! Wie fühlen Sie sich?”

8. Vermeiden Sie Unterbrechungen

Die Top-Beschwerde aller Patienten lautet: “Der Therapeut hört einfach nicht zu!” Viele Patienten möchten ihre persönliche Erlebnisse und weitere Informationen mit Ihnen teilen – und Ihre Aufgabe ist es, zuzuhören.

So bauen Sie nicht nur Rapport auf – beim Zuhören können Sie relevante Informationen herausfinden, die Ihnen helfen, die Behandlung an die Bedürfnisse und die Persönlichkeit des Patienten exakt anzupassen.

9. Kritisieren Sie nicht

Wenn Sie eine Person nur kritisch beurteilen, werden Sie Ihr Verhalten niemals ändern können. Stattdessen können Sie Techniken wie Motivierende Gesprächsführung anwenden, um den Patienten z. B. zu einem gesünderen Lebensstil zu ermutigen. Bei Senioren ist dies besonders wichtig – viele mögen es nicht, von einer jüngeren Person kritisiert und herumkommandiert zu werden.

10. Beachten Sie die Körpersprache der Patienten

Manche Patienten vermeiden es, offen zu reden. Ihre Körpersprache kann Ihnen aber Vieles verraten – schauen Sie aufmerksam zu.

11. Verwenden Sie Ich-Botschaften

Keiner mag es, herumkommandiert zu werden und Befehle wie “Sie müssen täglich üben” zu hören. Um diesen unangenehmen Effekt zu vermeiden, formulieren Sie Ihre Aussagen so, dass sie mit “Ich” anfangen. Aus “Sie müssen täglich üben” wird also “Ich helfe Ihnen, Ihr tägliches Übungsprogramm zusammenzustellen.” Das ist ein wichtiger aspekt der therapeutischen Kommunikation.

12. Sprechen Sie langsam, laut und deutlich

Viele Senioren tendieren dazu, Informationen etwas langsamer als früher zu verarbeiten. Deswegen lohnt es sich, langsamer, deutlicher und lauter zu sprechen (aber bitte nicht schreien, das schreckt nur ab). So werden Sie viel besser verstanden.

13. Verwenden Sie kurze, einfache Wörter und Sätze

Damit Sie immer richtig verstanden werden, versuchen Sie, möglichst einfach zu sprechen.

14. Vermeiden Sie Fachausdrücke

Nehmen Sie nicht an, dass Ihr Patient medizinische Fachsprache verstehen kann. Erklären Sie alles immer so, dass sogar Menschen ohne Medizinkenntnisse Sie verstehen können, und seien Sie bereit, alles noch einmal zu erklären.

15. Sprechen Sie nicht über zwei Themen gleichzeitig

Sie kennen wohl die Versuchung, über alles auf einmal zu reden, aber so würden Sie eine ältere Person nur verwirren. Das heißt: wenn eine Patientin Rücken- und Knieschmerzen hat, können Sie zunächst über den Rücken, dann über das Knie, und dann über das Übungsprogramm sprechen.

16. Paraphrasieren Sie statt einfach zu wiederholen

Wenn ein Patient Sie nicht versteht, versuchen Sie es, Ihre Aussage umzuformulieren statt sie einfach zu wiederholen. Das bringt mehr Klarheit und wirkt nicht so peinlich.

17. Lassen Sie das Wichtigste zusammenfassen

Wenn Sie etwas Wichtiges gesagt haben, bitten Sie den Patienten, Ihre Aussage zusammenzufassen. So können Sie eventuelle Missverständnisse sofort bemerken und beheben.

18. Geben Sie dem Patienten die Chance, Fragen zu stellen

Planen Sie immer etwas Zeit für Fragen und Antworten ein und nehmen Sie die Fragen immer ernst, denn sie können Ihnen zusätzliche Informationen liefern und auf eventuelle Missverständnisse hinweisen. Und wenn Sie jede Frage sorgfältig beantworten, zeigen Sie dem Patienten Respekt und Wertschätzung.

19. Sorgen Sie dafür, dass ältere Patienten sich körperlich wohl fühlen

Es ist wichtig, dass Patienten sich bei Ihnen wohl und sicher fühlen. Investieren Sie in sichere, ergonomische Möbel, die für Personen jeden Alters geeignet sind. Kontrollieren Sie, ob Ihre Praxis hell genug und ob die Temperatur angenehm ist. Bieten Sie Ihren Patienten ein Glas Wasser an.

20. Geben Sie die wichtigsten Informationen zum Mitnehmen

Geben Sie Ihren Patienten immer eine schriftliche Notiz oder eine Grafik, die sie nach Hause mitnehmen und in Ruhe durchlesen können. Ansonsten riskieren Sie, dass wichtige Informationen vergessen werden – und das kann jedem passieren, nicht nur Menschen mit Gedächtnisproblemen.

21. Verwenden Sie Diagramme und Bilder

Visuelle Materialien sind ein Muss, wenn Sie mit älteren Patienten arbeiten. Sie lassen sich besser merken als gesprochene Worte. Außerdem lassen sie sich meistens leicht fotokopieren und nach Hause mitnehmen.

22. Sorgen Sie dafür, dass Formulare und Broschüren leicht zu lesen sind

Ihre Praxis soll gut beleuchtet sein und alle Formulare und Broschüren sollen in großer Schrift gedruckt werden. Viele ältere Menschen sind kurzsichtig, und das Lesen von Kleingedrucktem bei schlechtem Licht ist für sie äußerst frustrierend.

23. Lassen Sie den Patienten Entscheidungen treffen (soweit möglich)

Für viele Menschen ist das Altern mit Autonomieverlust und Hilflosigkeit verbunden. Um diesen Gefühlen entgegenzuwirken, lassen Sie Ihre Patienten eigene Entscheidungen treffen. Beispielsweise können Sie Ihre Patienten eigene Rehabilitationsziele setzen und Übungen auswählen lassen (soweit möglich).

24. Beenden Sie das Treffen immer positiv

Pessimistische Einstellungen können zum Erfolg der Behandlung nicht beitragen – optimistische aber schon. Beenden Sie jeden Termin so, dass der Patient sich selbstsicher und motiviert fühlt.

25. Bleiben Sie digital in Kontakt

83% der 64- bis 74-Jährigen nutzen das Internet mindestens einmal wöchentlich, sodass Sie mit ihnen auch digital kommunizieren können. Dafür eignen sich sowohl E-Mails aus auch Ihre Physiotherapie-Software (mit Raccoon.Recovery können Sie z. B. Videoanrufe tätigen und persönliche Notizen neben jeder Übung hinterlassen).

Dank den oben gelisteten Tipps können Sie Ihre Kommunikation mit Senioren deutlich verbessern. Wenn Sie immer noch das Gefühl haben, an Ihren Soft Skills noch arbeiten zu müssen, belegen Sie evtl. einen entsprechenden Kurs – die Investition wird sich lohnen!