Olivia war als Webdesignerin tätig. Aber lange Stunden vor dem Laptop nahmen ihren Tribut: Olivia begann unter Schmerzen in ihren Händen und Handgelenken zu leiden. Ihr wurde empfohlen, den Computer für zwei Wochen zu vermeiden und Dehnübungen für ihre Hände zu machen.

Nach zwei Wochen kehrte sie nicht zur Arbeit zurück. “Ich befürchte, dass meine Schmerzen dann wiederkehren – und diesmal für immer. Dann werde ich behindert und verhungere, weil ich dann nicht mal ein Glas Wasser halten kann. Ich habe gestern ein Computerspiel gespielt und da haben meine Handgelenke sich unwohl gefühlt. Ich glaube, sie sind schon für immer kaputt.”

Wenn Sie schon Patient/innen wie Olivia hatten, wissen Sie, wie schwer es sein kann, ihnen zu helfen. In diesem Beitrag erklären wir diese Verhaltensweise mit dem sogenannten Fear-Avoidance-Modell und beschreiben die besten Behandlungsoptionen für Menschen wie Olivia.

Was ist das Fear-Avoidance-Modell?

Das Fear-Avoidance-Modell (auch als Angst-Vermeidungs-Modell eingedeutscht) beschreibt, wie Menschen chronische Schmerzen entwickeln, indem sie aus Angst bestimmte Aktivitäten vermeiden. 

Angst und Vermeidung sind normale, gesunde Reaktionen auf akuten Schmerz. Es macht schließlich Sinn, unmittelbar nach einer Verletzung defensiv zu handeln und Bewegung zu vermeiden.

2 Pathways of fear avoidance model
Modell zur Vermeidung von Angst. Quelle: Psychosomatic Medicine

Wenn der Heilungsprozess beginnt und der Schmerz chronisch wird, gibt es zwei verschiedene Reaktionen darauf. Idealerweise ist die verletzte Person bereit, den Schmerz als ein vorübergehendes Geschehen zu akzeptieren. Sie denkt nicht viel über den Schmerz – stattdessen ist sie motiviert, schnellstmöglich zu ihren normalen Aktivitäten zurückzukehren. In den meisten Fällen sind sie bald wieder schmerzfrei.

Es kann aber auch anders gehen. Wenn eine Person eine starke negative Einstellung zum Schmerz hat (sog. Katastrophisieren von Schmerz), bekommt sie eine Angst davor und fängt an, alle Aktivitäten zu vermeiden, die den Schmerz (theoretisch) auslösen könnten (“Meine Knie tut weh, wenn ich Kniebeugen mache”, “Ich bekomme Handschmerzen, wenn ich einen Text eintippen muss” usw). Das zieht zahlreiche negative Folgen mit sich. Der verletzte Körperteil wird noch schwächer, weil er kaum genutzt wird, was die Wahrscheinlichkeit weiterer Verletzungen erhöht. Der Schmerz und die Angst hingegen werden stärker. Es kommt zu einem Teufelskreis von körperlichen und emotionalen Schmerzen, die einander gegenseitig verstärken.

Was genau ist das Katastrophisieren?

Wir haben diesen Begriff bereits erwähnt, aber was bedeutet er genau?

Im Allgemeinen kann das Katastrophisieren von Schmerz als eine übertrieben negative Einstellung zu schmerzbezogenen Stimuli definiert werden. Diese Negativität hat drei Dimensionen:

  • Nachgrübeln bzw. Rumination (ständige negative Gedanken über den Schmerz).
  • Magnifizierung (jede Schmerzerfahrung wird als bedrohlich gesehen).
  • Hilflosigkeit (das Gefühl, man habe keine Kontrolle über den Schmerz),

Das Katastrophisieren von Schmerz ist mit einer intensiveren Schmerzwahrnehmung, einer stärker eingeschränkten körperlichen Funktionsfähigkeit und einer höheren Wahrscheinlichkeit einer langfristigen Behinderung verbunden.

Sobald Sie bemerken, dass Ihr Patient zu Katastrophisierung neigt, bieten Sie sofort Hilfe an, bevor die oben beschriebenen gravierenden Folgen eintreten! Selbst wenn Sie dem Patienten einfach nur erklären, wie das Fear-Avoidance-Modell funktioniert, kann er seine Einstellung zum Schmerz ändern. Aber es lohnt sich oft, den Patienten zu einem Psychotherapeuten zu überweisen, der mit Schmerzpatienten arbeitet.

Kann man Angst und Vermeidung messen?

Es fiber mehrere Fragebögen, mit denen Sie die Bewegungsangst und das Vermeidungsverhalten Ihrer Patienten einschätzen können.

Der Fear-Avoidance Belief Questionnaire (FABQ) würde ursprünglich  für Rückenschmerzen entwickelt, kann aber bei muskuloskeletalen Schmerzen aller Art eingesetzt werden. Der Fragebogen besteht aus 16 Fragen, die die Einstellungen des Patienten zu seinen beruflichen Tätigkeit und generell zu Bewegung betreffen. Die Beantwortung aller Fragen dauert ca. 10 Minuten.

Die Tampa Scale of Kinesiophobia (TSK) ist eine Skala zur Messung der Bewegungsangst. Der Fragebogen besteht aus 17 Fragen und kann bei Rückenschmerzen, Nackenschmerzen und anderen musculoskeletalen Schmerzen eingesetzt werden.

Die Pain Anxiety Symptom Scale (PASS) ist ein weiteres zuverlässiges Werkzeug, um die Angst vor Bewegung zu messen.

Die Fear-Avoidance Components Scale (FACS) ist eine neue Skala, die verschiedene Aspekte von Angst und Vermeidung misst – darunter auch das Katastrophisieren.

Alle diese Fragebögen sind kurz und nehmen nur ca. 15 Minuten Zeit in Anspruch. Sie liefern aber wertvolle Einblicke in die Art und Weise, wie ein Patient sich mit Schmerz auseinandersetzt.

Gibt es wirksame Behandlungsansätze?

Da chronischer Schmerz ein biopsychosoziales Phänomen ist, sind interdisziplinäre Ansätze oft die beste Wahl. Wenn Sie merken, dass Ihr Patient Hilfe mit den psychologischen Aspekten des Schmerzes braucht, ist eine Überweisung zum Psychotherapeuten bzw. Psychiater durchaus sinnvoll. 

Diese Ansätze und Werkzeuge können bei der Behandlung von chronischen Schmerzen besonders wirksam sein:

  • Graded Exposure (auch als Abgestufter Übungsplan bekannt): hier werden immer schwierigere Bewegungen bzw. Situationen erarbeitet, sodass der Patient seine Ängste immer unter Kontrolle hat. Eventuell wird es den Patienten klar, dass das befürchtete Bewegungsmuster nicht so katastrophal ist, als sie es sich vorgestellt haben.
  • Die Kognitive Verhaltenstherapie (Cognitive-behavioral therapy, CBT) hilft Menschen, negative Sichtweisen zu identifizieren und ihnen gegenzusteuern. Dann werden neue Denkmuster entwickelt, die die betroffene Person glücklicher machen.
  • Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) hilft Menschen, ein glückliches Leben trotz unangenehmer Erlebnisse (wie Schmerz) zu führen.
  • Geist-Körper-Ansätze wie z. B. Meditation und geführte Visualisierung können bei Angstzuständen durchaus hilfreich sein.
  • Yoga hat eine tiefgreifende Wirkung auf das körperliche und geistige Wohlbefinden. Dehnende und stärkende Übungen können chronische Schmerzen lindern; Achtsamkeitsübungen helfen, Ängste abzubauen und aufdringliche Gedanken loszuwerden.

Ablenkung ist eine weitere wirksame Technik, um Schmerz zu lindern und schmerzbezogene Ängste zu vergessen. Videospiele und VR-Erlebnisse eignen sich besonders gut dafür, Patienten von Schmerzen abzulenken und zur Bewegung zu motivieren.

Fear of falling by a senior patient

Bonus: Was tun gegen Sturzangst?

Die Sturzangst ist eine der schlimmsten Bewegungsängste schlechthin. Sie führt dazu, dass Betroffene auf alltägliche Aktivitäten verzichten und sogar das Haus nicht verlassen wollen.

Und diese Angst ist eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wer aus Sturzangst jede Bewegung vermeidet, wird noch schwächer – und dann steigt eben die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Sturzes und einer langfristigen Behinderung.

Aber dieser Teufelskreis kann gebrochen werden, indem Sie als Physiotherapeut auf folgende Aspekte konzentrieren:

  • Übungen, die die Gewichtsverlagerung beim Gehen trainieren.
  • Kraft- und Beweglichkeitstraining.
  • Das Üben der Bewegungsmuster von alltäglichen Aktivitäten (Objekte vom Boden nehmen, Treppen steigen usw), um den Patienten an potenziell angsteinflößende Aktivitäten vorzubereiten.
  • Kräftigende Übungen, die nicht mit dem Gehen bzw. Balancieren verbunden sind (Wassergymnastik, Ergometer u. Ä.)
  • Entspannungs- und Ablenkungstechniken, um die Angst zu kontrollieren.

Fazit

Das Fear-Avoidance-Modell erklärt, warum einige Menschen schnell wieder fit werden und andere in einem Teufelskreis von Angst und Schmerz stecken bleiben. Beobachten Sie Ihre Patienten und greifen Sie schnell ein, sobald Sie erste Zeichen von Angst und Vermeidung sehen. Setzen Sie CBT- und ACT-Techniken ein und bieten Sie dem Patienten Videospiele und andere Ablenkungen an.