Aktuelle Befragungen zeigen dass die Mehrheit der deutschen Physiotherapeuten zögert, die Erbringung ihrer Leistungen aus der Ferne anzubieten während ein Großteil der Patienten sich dazu bereit erklärt, deren Therapie für Zeit während und sogar nach Corona online zu verlegen. Dieses Ergebnis ist wenig überraschend, da die meisten Kollegen zwar über ein enormes Fachwissen und umfangreiche Berufserfahrung verfügen, ihr Wissen über die Möglichkeiten der Teletherapie dabei aber nur sehr gering ist. Wie kann man während einer Telekonsultation weiterhin professionell wirken? Welche Fallstricke erwarten uns, wenn wir mit der Teletherapie beginnen? Antworten auf diese und andere Fragen werde ich in diesem Artikel behandeln.

Viele Therapeuten befürchteten zu Beginn der Corona-Pandemie, dass ihre Patienten eine Therapie in virtueller Form ablehnen würden. In einer aktuellen Befragung von etwa 27.000 Physiotherapiepatienten (1) gaben jedoch 81% der Befragten an, dass sie die aufgrund von CoViD-19 pausierten stationären Präsenztherapien als Online-Behandlung fortsetzen würden. Dieses Meinungsbild ist eine klare Antwort auf die Sorge der Therapeuten und eröffnet gleichzeitig die Frage, warum wir nicht alle eifrig auf Teletherapien umgestiegen sind? Ein Erklärungsansatz könnte die fehlende Erfahrung mit Videokonsultationen sein und die damit einhergehende Angst, das erarbeitete professionelle Image zu verlieren. Es scheint fast als sei die Angst, wie ein Anfänger in der Telerehabilitation auszusehen, umso stärker je größer unsere Erfahrung in der klassischen Offline-Therapie ist.   

Als Experte in der Durchführung klinischer Studien mit innovativen und digitalen Technologien  in der stationären und Telerehabilitation möchte ich Ihnen hiermit einige Praxistipps geben, die Ihnen bei der Vorbereitung Ihrer Online-Dienste helfen können. 

Kernkonzepte

  1. Telerehabilitation ersetzt Präsenztherapie und stellt damit nur einen neuen Zugang zur Erbringung physiotherapeutischer Dienstleistungen, aber keinen neuen Beruf, dar. 
  2. Der Erfolg der Behandlung hängt dabei noch stärker von den Kommunikationsfähigkeiten der Therapeuten und deren Anleitung der Patienten ab.
  3. Ihre Praxisräume, Einrichtung und eingerahmten Erfolge können nicht wie gewohnt genutzt werden, um ein professionelles Image aufzubauen.

Professionelle Videokonferenzen: Technische Aspekte

Strom und Internetverbindung.

Eine unzureichende und instabile Internetverbindung sowie häufige Unterbrechungen der Sitzung können katastrophal für die Teletherapie sein: sie erschwere die Kommunikation und können zum Verlust des Engagements auf Seiten der Patienten führen, sie sogar so verärgern, dass die weitere Zusammenarbeit verweigert wird. Diese Probleme können aber sehr einfach gelöst werden. Arbeiten Sie von einem stationären Computer oder sichern Sie das Netzkabel Ihres Notebooks um Stromausfall-bedingte Unterbrechungen zu vermeiden. Um Ihre Netzwerkbandbreite maximal zu nutzen, wählen Sie eine kabelgebundene Verbindung (Ethernet, LAN). Wenn Sie WLAN nutzen, arbeiten Sie in der Nähe Ihres Routers und deaktivieren Sie die Verbindung anderer Geräte mit Ihrem Netzwerk, um eine stabilere und bessere Videoqualität zu erreichen.

Klares Bild ohne durch ausreichende Bandbreite Verpixeltes Bild durch unzureichende Bandbreite
Telerehabilitation: Wie Sie professionell und sicher auftretenTelerehabilitation: Wie Sie professionell und sicher auftreten

Richtiger Hintergrund.

Die Wahl des Hintergrunds kann einen entscheidenden Einfluss auf die Videoqualität haben. Helle, blasse oder gedämpfte Töne lassen sich leichter übertragen und lenken den Fokus auf Sie, während sehr dunkle, bunte oder unruhige Hintergründe von Ihnen und der Therapie eher ablenken. Einige Dienste bieten die Möglichkeit, den Hintergrund zu ersetzen oder zu verwischen, dies funktioniert allerdings oft nur bei neueren Computern zuverlässig und sollte eher nicht genutzt werden. Wählen Sie eine einfache und monotone Wand ohne ablenkende Elemente damit sich Ihre Patienten wohl und natürlich fühlen.

Neutraler und monotoner Hintergrund legt Fokus auf den Therapeuten  Unruhiger und bunter Hintergrund lenkt vom Therapeuten ab
Telerehabilitation: Wie Sie professionell und sicher auftretenTelerehabilitation: Wie Sie professionell und sicher auftreten

Akustik und Kameraposition.

Versuchen Sie grundsätzlich immer gute Kopfhörer mit einem oder mehreren Mikrofonen zu verwenden. So wird Ihre Stimme klarer übertragen und störende Hintergrundgeräusche aus Ihrer Praxis oder von Ihrer Tastatur herausgefiltert. Außerdem können sich Ihre Patienten so nicht selbst reden hören. Positionieren Sie Ihre externe Webcam bzw. kippen Sie Ihren Notebookbildschirm so, damit Sie für Ihre Patienten gut sichtbar sind und professionell wirken. Für eine natürliche Wirkung sollten Ihre Augen etwa auf dem oberen Drittel des Bildes positioniert sein, ganz so wie bei einer Nachrichtensendung im Fernsehen. Wenn Sie sich während der Sitzung bewegen, passen Sie auch den Kamerawinkel entsprechend an. Nutzen Sie eine Kamera mit guter Auflösung. 

Kopfhörer erleichtern das Hören des Patienten und reduzieren HintergrundgeräuscheNur Teile des Therapeuten sichtbar durch falsche Ausrichtung der Kamera 
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Beleuchtung.

Ohne eine gute Beleuchtung ist es schwer zu sehen, was Sie Ihren Patienten zeigen wollen. Vermeiden Sie helle Lichtquellen hinter Ihnen (z.B. Fenster), da so der Kontrast der Kamera nicht richtig eingestellt werden kann. Ihr Gesicht und Körper sollten gleichmäßig und ausreichend ausgeleuchtet sein, dazu ist das normale Licht Ihrer Praxis eventuell nicht ausreichend. Durch eine clevere Positionierung des Computers können Sie dieses Problem umgehen. Bei ungünstigen Bedingungen bietet sich die Anschaffung einer Beleuchtung für Videoaufnahmen (Stufenlichter) an, ist meist aber nicht notwendig. 

Gleichmäßig ausgeleuchtetes Gesicht durch diffuse Stufenbeleuchtung Hohe Kontraste durch Gegenlicht, Webcam kann Belichtung nicht korrekt darstellen
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Was ist zu tun, wenn trotzdem etwas schief geht? 

Zunächst sollten Sie sich darauf vorbereiten und akzeptieren, dass immer etwas schief gehen kann. Technische Probleme können auf Ihrer und der Seite des Patienten auftreten. Dabei ist es wichtig, dass Ihre Patienten nicht unruhig werden. Sie können zu Beginn der Sitzung Regeln für solche Störungen vereinbaren, z.B. wer wen zurückruft. Halten Sie für andauernde Verbindungsprobleme eine Telefonnummer Ihres Patienten bereit. Auch wenn etwas Unerwartetes passiert, beispielsweise der Hund bellt oder ein Baby schreit, reagieren Sie souverän. Sie können selbst einfach lachen und sagen: „Das ist schon in Ordnung! Versuchen Sie zu regeln, was sie regeln können und versuchen sie möglichst schnell zum Gespräch zurückzukehren.”

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Professionelle Videokonferenzen: Patienteninteraktion

Selbst bei direkten Interaktionen werden nur etwa 7% der Informationen2 über Sprache kommuniziert, ein Großteil der Informationen wird also über non-verbale Kanäle vermittelt. Videokonferenzen erschweren vor allem den non-verbalen Anteil der Kommunikation, sowohl für den Therapeuten als auch für den Patienten. Nur ein Teil der Person ist sichtbar, Körperhaltung und Gesten können nicht in vollem Umfang wahrgenommen werden, direkter Blickkontakt und Berührungen sind nicht möglich. Dieser Umstand erschwert übliche therapeutische Umgangsformen, welche folglich für Telerehabilitation und die Gestaltung einer aufrichtigen und mitfühlenden Beziehung zu den Patienten angepasst werden müssen. Im Folgenden erhalten Sie einen Überblick, wie Sie Ihre Kommunikationsfähigkeiten auf verbaler und non-verbaler Ebene verbessern können. 

Erscheinungsbild.

Es empfiehlt sich, Ihre normale Berufskleidung auch für eine Teletherapie beizubehalten, verzichten Sie auf Freizeitkleidung und Mützen. So behalten Sie das Vertrauen der Patienten und wirken professionell. Eine gute Haar – und Gesichtspflege sind ebenfalls wichtig, da Ihr Gesicht meist das Einzige ist, was der Patient sieht. Make-Up empfiehlt sich nur in Maßen, da es bei den Videokonferenzen schnell ablenken kann. 

Ihre übliche Arbeitskleidung (auch sportliche) vermittelt einen professionellen EindruckFreizeitkleidung und Kopfbedeckungen wirken unprofessionell und unangemessen 
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Körperhaltung.

Auch im Sitzen transportiert Ihre Körperhaltung viele non-verbale Informationen und beeinflusst Ihre stimmliche Intonation. Versuchen Sie daher möglichst immer aufrecht und bequem zu sitzen, wählen Sie dazu einen geeigneten Stuhl. Wenden Sie sich der Kamera direkt zu und verschränken Sie möglichst nicht die Arme um so ihre Aufmerksamkeit, Bereitschaft und Offenheit zu signalisieren. 

Mimik.

Achten Sie auch besonders auf Ihren Gesichtsausdruck, da dieser noch deutlicher beachtet wird als in der Präsenztherapie. Ein ernster Ausdruck, Stirnrunzeln oder Starren kann von den Patienten leichter fehlinterpretiert und so negativ aufgefasst werden. Entgegnen Sie dem mit einem Lächeln, wann immer es natürlich wirkt. Mit einem deutlichen Kopfnicken bestätigen und beruhigen Sie Ihre Patienten, ohne diese zu unterbrechen. 

Gesten.

Verwenden Sie gut verständliche Gesten um Ihre non-verbale Kommunikation zu ergänzen, ohne die Patienten zu stören. Geben Sie ein Daumen-hoch-Zeichen, stillen Applaus oder ein Kopfnicken mit hochgezogenen Augenbrauen für Zustimmung. Winken Sie, wenn Sie die Aufmerksamkeit des Patienten haben oder diesen unterbrechen wollen oder heben Sie Ihre Hand um Ablehnung zu signalisieren. Wichtig bei allen Gesten ist, dass diese von der Kamera auch erfasst werden! Kontrollieren Sie dazu zwischendurch Ihr eigenes Bild und passen Sie gegebenenfalls die Positionierung der Webcam an.

Eine aufrechte Körperhaltung und der Einsatz von Gesten transportieren Aufmerksamkeit und BereitschaftVerschränkte Arme und ein strenger oder abschweifender Blick können schnell negativ interpretiert werden 
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Sprache und Intonation.

Auch der verbale Anteil der Kommunikation ist wichtig. So ist die Modulation Ihrer Stimme ein primäres Ausdrucksmittel und Werkzeug in der Patienteninteraktion. Versuchen Sie mit präsenter und moderat lauter Stimme zu sprechen. Ein Wechsel der Lautstärke, Betonung und des Rhythmus sowie die Nutzung von Pausen helfen die Aufmerksamkeit der Patienten aufrechtzuerhalten. Geben Sie bei der Durchführung von Übungen häufiger verbale Rückmeldung, da die non-verbalen Kanäle dafür nicht ausreichend zur Verfügung stehen können. 

Zum Schluss noch ein paar positive Gedanken: Besonders wenn Sie Ihre ersten Teletherapiesitzungen anhalten, werden Sie sicher nervös sein und sich über alle möglichen Störungsquellen Gedanken machen. Atmen Sie einfach durch und bleiben Sie optimistisch. Sie haben diesen Beruf erlernt und bereits jahrelang praktiziert, darauf kommt es im Kern an. Vergessen Sie nicht, dass diese Situation für Ihre Patienten vermutlich genauso neu ist, wie für Sie selbst. Sehen Sie diese Herausforderung als eine Chance an, viel Neues zu lernen und vielleicht sogar eine ganz neue Seite an Ihrer Arbeit zu erkennen. 

Weiterführende Literatur und Medien

  1. Ascenti (2020). Virtual Physiotherapy. An emerging discipline that can deliver better outcomes in some cases. Besuchen Sie www.ascenti.co.uk (engl.) für weitere Informationen. 
  2. Mehrabian, A., & Ferris, S. R. (1967). Inference of attitudes from nonverbal communication in two channels. Journal of Consulting Psychology, 31(3), 248–252. doi: 10.1037/h0024648
  3. Erfahrungsbericht zu Teletherapien während Corona in der Schweiz (Fiechter et al., 2020)  
  4. Webinar: Accelerating Health Systems’ Digital Transformation: Why Digital Health Must Be the New Standard in a Post-COVID-19 World
  5. Webinar: Telemedicine: How to do it right! – Pacific Basin Telehealth Resource Center

Der Originalartikel wurde in der größten deutschen Zeitschrift für Therapeuten pt – Zeitschrift für Physiotherapeuten veröffentlicht.