Eine von McKinsey durchgeführte Umfrage zeigt: 55 bis 58 Prozent der europäischen Ärzte glauben, dass die Telemedizin in Zukunft eine wesentlich größere Rolle spielen wird.

Regierungen und Versicherungsunternehmen glauben auch an die Zukunft der Telemedizin uns schaffen noch mehr Erstattungsmöglichkeiten für digitale Gesundheitsprodukte und -dienstleistungen.
In diesem Artikel werfen wir einen Blick darauf, wie digitale Gesundheitsanwendungen und andere telemedizinische Innovationen in Deutschland, dem weltweit zweitgrößten Markt für Gesundheitsleistungen (374 Milliarden Euro jährlich), finanziert werden.

Warum ist digitale Physiotherapie so wichtig?

Telemedizin sorgte 2020 für Schlagzeilen, als die COVID-19-Pandemie den Gesundheitssektor zwang, fast nur Remote-Dienstleistungen anzubieten. Physiotherapeuten durften eventuell wieder normal arbeiten, aber viele Patienten vermeiden immer noch persönliche Termine. Deswegen bleibt Remote-Reha immer noch wichtig.

Nicht jede medizinische Behandlung kann im Remote-Modus durchgeführt werden, aber Physiotherapie zählt zu den Bereichen, in denen digitale Gesundheitslösungen ein enormes Potenzial haben.

Laut einer umfassenden Studie kann die Telerehabilitation genauso effektiv sein wie herkömmliche Behandlungen. Sie ist eine hervorragende Option für Menschen, die in ländlichen Gebieten leben und keine Lust haben, zu der Praxis ihres Physiotherapeuten zu pendeln. Sie eignet sich auch gut für außergewöhnlich beschäftigte Menschen wie frischgebackene Eltern. 
Deutschland ist eines der ersten europäischen Länder, das die Bedeutung von Telemedizin erkannt und einen rechtlichen Rahmen dafür geschaffen hat. Laut Roland Berger wird der deutsche Markt für digitale Gesundheitslösungen bis 2025 satte 54 Milliarden Euro erreichen.

Deutsche Krankenhäuser erhalten Mittel zur Förderung der Digitalisierung

Die Bundesregierung nimmt die Digitalisierung sehr ernst. Im September 2020 wurde ein umfangreiches Investitionsprogramm für Krankenhäuser gestartet, um die Datensicherheit zu verbessern und digitale Lösungen einzuführen.

Krankenhäuser können die Mittel verwenden, um Systeme für die Verarbeitung elektronischer Krankenakten, telemedizinische Lösungen, IT-Sicherheitsmaßnahmen und andere digitale Innovationen zu implementieren. Der Bund stellte 3 Milliarden Euro für diese Projekte bereit und die Länder fügten weitere 1,3 Milliarden hinzu.

Um Förderung zu beantragen, müssen Krankenhäuser bis Ende 2021 einen Antrag beim jeweiligen Bundesland stellen. Im Antragsformular müssen sie lediglich ihr Projekt beschreiben und die Kosten schätzen. Die Prüfung des Antrags dauert bis zu drei Monate.

Aber die Regierung tut mehr als nur Geld herausgeben. Das Digitale-Versorgungs-Gesetz (DVG) ist ein ambitioniertes Projekt, das 2019 verabschiedet wurde und immer noch nicht zu Ende implementiert wurde.

Electronic form of health insurance in digital tablet

Was Sie über das Digitale-Versorgungs-Gesetz (DVG) wissen müssen

Das DVG führt mehrere wichtige Änderungen ein, die das deutsche Gesundheitswesen moderner und effizienter gestalten sollen, insbesondere angesichts von COVID-19 und möglichen zukünftigen Pandemien.

Erstens: Gesundheitsdienstleister (außer Hebammen und Physiotherapeuten) müssen sich an ein obligatorisches digitales Netzwerk (die sogenannte Telematikinfrastruktur) anschließen. Dank der TI können Gesundheitsdienstleister sensible medizinische Informationen sicher speichern, verarbeiten und austauschen.

Für Physiotherapeuten beginnt die freiwillige Teilnahme am TI im Juli 2021. Sie kostet jedoch einiges: Wir können mit einmaligen Kosten in Höhe von rund 2500 Euro rechnen. Pro Quartal müssen noch ca. 280 Euro ausgegeben werden. Glücklicherweise werden diese Kosten erstattet. Die Einzelheiten werden spätestens Ende März 2021 bekannt sein.

Zweitens: Remote-Beratungen werden in allen Bereichen des Gesundheitswesens, einschließlich der Physiotherapie, zur neuen Norm.

Drittens: Jede gesetzlich krankenversicherte Person (das sind in Deutschland 72 Millionen Menschen) muss bis Januar 2021 eine elektronische Patientenakte haben. Rezepte, Bescheinigungen für Arbeitgeber und andere Dokumente werden elektronisch ausgestellt.

Last but not least: Ärzte und Physiotherapeuten können ihren Patienten Apps (sogenannte “Digitale Gesundheitsanwendungen”) verschreiben. Sie werden von allen öffentlichen Krankenkassen erstattet – wir werden jetzt ausführlicher darüber sprechen.

Die Erstattung digitaler Apps für das Gesundheitswesen

Obwohl es in den App Stores unendlich viele Gesundheits-Apps gibt, können Ärzte nur Apps verschreiben, die von der Regierung genehmigt wurden. Damit eine App von den gesetzlichen Krankenkassen offiziell genehmigt und erstattet werden kann, muss sie zahlreiche Anforderungen an Datenschutz und Informationssicherheit erfüllen. Die App muss außerdem als Medizinprodukt in einer der beiden EU-Klassen mit dem geringsten Risiko (I oder IIa) CE-zertifiziert sein. Die Entwickler müssen auch Pläne für klinische Forschungen vorlegen, die die Wirksamkeit der App belegen würden.

Die Entwickler von Apps, die diese Kriterien erfüllen, können sich für den sogenannten Fast-Track-Prozess bewerben, eine schnelle Überprüfung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.

Nachdem die App genehmigt wurde, wird sie einer öffentlich zugänglichen Liste erstatteter Apps hinzugefügt. Die Entwickler der App haben dann 12 Monate Zeit, um die zuvor geplante klinische Forschung durchzuführen und die Wirksamkeit ihres Produktes wissenschaftlich nachzuweisen. Andernfalls wird die App von der Liste gestrichen. 

Dies ist nur eine der vielen möglichen Erstattungsmöglichkeit für digitale Gesundheitslösungen.

pathways for digital health solutions in germany

Angesichts des wachsenden Bedarfs an digitalen Gesundheitslösungen können wir in naher Zukunft noch mehr Erstattungsmöglichkeiten für Apps und ähnliche Produkte erwarten.

Es ist also an der Zeit, den Trends zu folgen und Gesundheits-Apps in Ihrer Praxis zu implementieren. Auch wenn eine konkrete App, die Ihnen gefällt, noch nicht erstattet wird, können Sie sie dennoch verwenden. Schließlich sind viele Patienten bereit, für Ihre Leistungen selbst zu zahlen, wenn sie dringend Rat benötigen und an Ihren Behandlungsansatz glauben.