Die Ausgangsbeschränkungen aufgrund der Coronavirus-Pandemie haben Therapieeinrichtungen hart getroffen: während viele Rehakliniken nur noch bestehende PatientInnen unter strengen Auflagen betreuen können, erleben vor allem viele kleinere Praxen einen enormen Einbruch der Patientenzahlen. Viele Therapeuten sehen in Videoanrufen die einzige Möglichkeit, ihren Patientenstamm weiter zu betreuen. Die Corona-Pandemie hat eines klar gezeigt: wir sind (noch) nicht bereit, Physiotherapie zu digitalisieren. Eine Alternative bietet die Telerehabilitation, deren Stärke als Therapieergänzung oder eigenständiger Ansatz bereits in vielen wissenschaftlichen Artikeln untersucht wurde. Doch wie setzt man digitale Formate in praktischen Alltag um und welche Hürden bestehen?

Stand der Dinge: wissenschaftliche Evidenzen

In einem aktuellen Übersichtsartikel (1) wurde untersucht, welche Möglichkeiten Telerehabilitation heute bereits im klinischen Alltag bietet und an welchen Stellen typische Hindernisse auftreten. Zu letzteren zählte vor allem die fehlende Bereitschaft, neue Ansätze auszuprobieren aus Sorge, den direkten Kontakt zueinander zu verlieren. Außerdem wurde eine nicht ausreichende Standardisierung oder Protokollierung der Therapie bemängelt. Das Problem der meisten Einzelstudien zum Thema liegt zusätzlich darin, dass nur einzelne Aspekte der Telerehabilitation untersucht wurden und Praktizierenden so meist umfassendere Informationen zum Therapieprozess fehlen, um eine ganzheitliche Physiotherapie aus der Ferne anzubieten. Ein Ergebnis der genannten Untersuchung ist aber auch, dass eine Kombination aus Telerehabilitation und Telemonitoring, also der Überwachung des Therapieverlaufs, einen vielversprechenden Ansatz darstellt.

Untersuchungen und Therapieplanung 

Eine persönliche Untersuchung mit direkter Interaktion kann durch die Telerehabilitation natürlich nicht ersetzt werden, einzelne Teile können aber mit einfachen Mitteln ohne Direktkontakt durchgeführt werden. So können beispielsweise Anamnese und die Besprechung des Therapieverlaufs am Telefon oder per verfügbarer Videotelefonie stattfinden. 

Digitale Angebote können es Ihnen ermöglichen, die Ergebnisse, die die PatientInnen zu Hause erzielen, in verschiedenen Testverfahren zu protokollieren. Spezielle Webseiten ermöglichen beispielsweise eine schnelle Erfassung der Aktivitäten des täglichen Lebens (z.B. Barthel-Index (mdcalc.com), modifizierte Rankin-Skala (modifiedrankin.com), welche vom Patienten eigenständig ausgefüllt werden. Von Nachteil ist hier, dass die Erfassung meist nicht auf einem System gebündelt wird und die Ergebnisse so über verschiedene Kanälen verteilt sind. Außerdem stellen gerade diese Skalen nur subjektive und grobe Bewertungen der eigenen Fähigkeiten dar. Diese Einschränkungen können durch Trackingsysteme überwunden werden, die hochauflösende und objektive Daten zu den Fähigkeiten und Einschränkungen eines Patienten erfassen. Außerdem können diese Systeme Art, Intensität und Häufigkeit von Trainings protokollieren und automatisch an den Therapeuten weiterleiten. Dieses Telemonitoring ermöglicht Ihnen eine detaillierte Überwachung des Fortschritts und eine direktere Patientenkommunikation. 

Webseiten (z.B. physiomed.co.uk oder verywellhealth.com) bieten eine große Sammlung von Übungsvideos und Trainingsplänen an, die Sie an die Patienten zuhause weiterleiten können. Während Ihnen solche Angebote die Erstellung eigener Videoanleitungen erübrigen können, ist die Recherche nach geeigneten Materialien insbesondere für die Erstellung eines individuellen Trainingsplan zeitaufwändig und kann bei verschiedenen Kanälen schnell unübersichtlich werden. Hier sind Angebote im Vorteil, die eine umfangreich und individualisierbare Auswahl an Übungen in einem System vereinen um so den Aufwand für Sie und auch für Ihre Patienten weitgehend gering zu halten.   

Patientenmotivation ohne persönlichen Kontakt 

Der Wille der Patienten gehört zu den wichtigsten Determinanten des Therapieerfolgs, ganz unabhängig von der Art der Trainings. Wir möchten Ihnen einige Ansätze vorstellen, mit denen Sie die Motivation der Patienten auch auf Distanz erhöhen können. 

Besonders erfolgreich kann es sein, Trainingsziele an die individuellen Lebensziele der Patienten zu koppeln (2). Anstelle eines global-formulierten Therapiezieles (z.B. “zurück zur Normalität”) können individuelle und Aktivitäts-zentrierte Ziele treten, mit denen sich die Patienten stärker identifizieren und so intensiver verfolgen. Wenn diese ihre Behandlung mit dem Bild der Person verbinden, die sie gerne (wieder) sein möchten, kann vor allem für die i.d.R. langfristige Therapie ein großes Motivationspotential geschaffen werden. Eigenständig essen, Fahrrad fahren oder dem Lieblingshobby nachgehen – das alles sind gute Zielformulierungen.

Aber selbst solche Ziele wirken für die Patienten oft weit entfernt oder schwer umsetzbar. Das Aufbrechen eines übergeordneten Ziels in kleinere Teilschritte kann dabei vor allem in der Heimrehabilitation sehr hilfreich sein, in der Fortschritte nicht zuverlässig von Ihnen oder den Patienten quantifizierbar sind. Zielformulierungen können so noch weiter spezifiziert werden, bspw. durch die SMART-Methode (spezifisch, messbar, aktivierend, realistisch, terminiert), die im Projektmanagement und der Personalentwicklung oft Anwendung findet (3). Auch in der Reha können SMART-formulierte Ziele und deren Teilschritte, wie etwa innerhalb von 4 Wochen Blumen ohne Rückenschmerzen einpflanzen zu können oder bis Dezember ein Musikstück auf dem Klavier spielen zu können, zu größeren Erfolgen führen.

Ein spielerischer Zugang (auch als Gamification bezeichnet) zur Therapie erhöht den Trainingserfolg. Eine digitale Lösung zur Erhöhung des Spaßes bei der Therapie stellen Reha-Apps für digitale Geräte dar. Viele bereits verfügbare Apps verstecken die oft langweiligen und repetitiven Übungen hinter aktivierenden Computerspielen, während Körperbewegungen von Kameras oder Bewegungssensoren erfasst (getrackt) und in Befehle für die Spiele übersetzt werden. Gamification funktioniert dabei nicht nur bei Jugendlichen. In einer aktuellen Studie konnte gezeigt werden, dass Probanden über 50 sogar engagierter und interessierter an durch Technologie vermittelter physischer Aktivität teilnehmen als jüngere Probanden (4). Auch für Menschen über 75 kann Gamification ein spannender Ansatz sein, Form und Inhalte der Spiele müssen aber dahingehend angepasst werden, dass soziale und kollaborative Aspekte verstärkt werden (5). 

Im Fokus: App-gestützte Therapie in Ihrer Praxis

Die neueste Generation von Reha-Apps kombiniert die hier genannten Ansätze zur Telerehabilitation mit einer Vielzahl nützlicher Funktionen, wie etwa Termin- und Patientenmanagement, direkten Chat- oder Videokommunikation, standardisierten Tests und der Gestaltung und Überwachung individueller Therapiepläne, meist in einer einheitlichen Umgebung. Das Angebot an Apps, für die keine umfangreichen technischen Vorkenntnisse notwendig sind, wird immer größer, differenzierter und benutzerfreundlicher. Selbst wenn Sie Ihren Computer bisher also vor allem zur Dokumentation und Email-Kommunikation genutzt haben, sollten Sie nicht davor zurückschrecken, diese neuen Technologien auszuprobieren.

Eine feste Implementierung solcher digitaler Strukturen und Programme zur Ergänzung der Standardtherapien war im deutschen Gesundheitssystem lange vor allem wegen der fehlenden Möglichkeit zur Abrechnung gegenüber den Kostenträgern nicht möglich. Nach dem Erlass des Digitalen Versorgungsgesetzes (DVG) im letzten Jahr soll sich dies nun schnell ändern und digitale Anwendungen bereits im laufenden Jahr im großen Maßstab abrechenbar gemacht werden (einige Versicherungen übernehmen bereits jetzt die Kosten für digitale Therapieansätze). 

Neben den umfangreichen Herausforderung für uns alle bietet die Corona-Pandemie somit also auch eine Chance, neue Ansätze in der sensomotorischen Rehabilitation zu erproben, die unsere Arbeit auch über die aktuellen Maßnahmen hinaus positiv beeinflussen könnten. 

Anna Bezrodna, Toni Muffel

Referenzen

  1. Peretti A, Amenta F, Tayebati SK, Nittari G, Mahdi SS. Telerehabilitation: Review of the State-of-the-Art and Areas of Application. JMIR Rehabil Assist Technol. 2017;4(2):e7. Published 2017 Jul 21. doi:10.2196/rehab.7511
  2. Marwecki S, Ballester BR, Duarte E, Verschure PFMJ. Goal-oriented feedback on motor behavior in virtual reality based stroke therapy: A case study using the rehabilitation gaming system. Edorium J Disabil Rehabil 2017;3:36–45.
  3. Doran G. There’s a SMART way to write management’s goals and objectives. Management Review 1981; 70(11): 35-36
  4. Kappen D, Mirza-Babaei P, Nacke L. Gamification of Older Adults‘ Physical Activity: An Eight-Week Study. 51st Hawaii International Conference on System Sciences 2018. 10.24251/HICSS.2018.149. 
  5. Conference: Altmeyer M, Lessel P, Krüger A. Investigating Gamification for Seniors Aged 75+. Designing Interactive Systems Conference 2018. 10.1145/3196709.3196799.

Der Originalartikel wurde in der größten deutschen Zeitschrift für Therapeuten pt – Zeitschrift für Physiotherapeuten veröffentlicht.